Kanada verbietet Baby-Walkers 0

Die weit verbreiteten „Laufhilfen“ verursachen in Deutschland rund 6000 Unfälle jährlich. Massive Entwicklungsbeeinträchtigungen. Warnungen werden hierzulande kaum beachtet.

16.04.2004

Kanadischen Säuglingen bleibt in Zukunft erspart, was Tausenden von deutschen Altersgenossen noch bevorsteht - Traumata durch Stürze, Verbrennungen und Entwicklungsstörungen. Das Gesundheitsministerium in Ottawa hat jetzt beschlossen, Baby-Walkers (Lauflernhilfen) zu verbieten. Ab sofort dürfen sie weder in Geschäften oder auf Flohmärkten verkauft werden, man darf nicht dafür werben oder sie importieren. Eltern, die solche Geräte schon angeschafft haben, empfiehlt das Ministerium sie wegzuwerfen.

Kinderärzte, Therapeuten und Verbraucherschutzverbände warnen auch hierzulande seit Jahren vor den Gefahren dieser bei Müttern und Vätern so beliebten Rollwagen. Die auch „Gehfrei“ genannten Apparate suggerieren Gutes, das freie Gehen sollen sie fördern, und Eltern sehen ihre Sprösslinge darin gut versorgt, man könne sie getrost alleine lassen. Doch das Gegenteil ist richtig, Baby-Walkers sind hochgefährlich. Säuglinge kippen an Teppichrändern oder Türschwellen, sie stürzen Treppen herunter, gelangen an gefährliche Gegenstände, wie Töpfe mit kochendem Wasser, schwerste Verbrühungen sind nicht selten. Laut einer Umfrage der Zeitschrift „Der Kinderarzt“ in Kinderkliniken und Pädiater-Praxen gehen allein in Deutschlands jährlich rund 6000 zum Teil schwerste Unfälle auf das Konto der Laufgeräte.

Auch die Entwicklung des Kindes wird nicht gefördert, im Gegenteil, die Geräte hemmen die natürliche Bewegungsentwicklung. Die Babys „hängen“ in den rollenden Apparaten, die fehlende Rumpfstabilität kann zu Fehlstellungen der Wirbelsäule führen. Die Fixierung behindert die Rotation zwischen Becken- und Schultergürtel, und die Entwicklung der Gleichgewichtsreaktionen. Die Flexionshaltung der Wirbelsäule beeinträchtigt das Erlernen einer aktiven Extension, kleine Säuglinge sind noch nicht in der Lage sich gegen die Schwerkraft aufzurichten. Das freie Gehen wird damit nicht gefördert sondern eher verhindert. Eine ganz typische Folge von Daueraufenthalten im „Gehfrei“ sind massive Spitzfüße. Geht das Kind irgendwann einmal frei, wundern sich Eltern und Kinderärzte, wenn es nur auf Zehenspitzen marschiert. Die Frage nach dem frühen Gebrauch dieser unsäglichen Geräte sollte bei „idiopathischen“ Spitzfüßen (ohne auffallende neurologische Befunde) zum diagnostischen Repertoire von Physiotherapeuten und Pädiatern gehören. Oftmals ist die Fehlstellung bereits so fixiert, dass nur Botox-Injektionen oder Achillotenotomien Aussicht auf Erfolg bieten.

Inzwischen gibt eine Reihe von Studien, die sich mit den negativen Auswirkungen der Geräte beschäftigen, wir berichteten hier am 19.08.02. Die Stiftung Warentest hat bereits 1997 vom Kauf der Laufgeräte abgeraten. Es ist höchste Zeit, es den Kanadiern gleichzutun und ein Verbot auszusprechen.

Eine Hochrechnung der durch den Gebrauch der Apparate entstandenen Schädigungen und Entwicklungsdefizite wäre erschreckend. Lauflerngeräte gibt es bereits seit dem 16. Jahrhundert……

Peter Appuhn
Physio.de