Podiumsdiskussion zum Thema Heilmittel beim GKV-Spitzenverband 22

Von Prosa über Stammbucheinträge bis hin zum neuen Rezeptvordruck war alles dabei.

01.02.2020

Letzten Mittwoch fand in den Räumen des GKV-Spitzenverbandes eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Alles neu, alles besser – die neue Welt der Heilmittelversorgung“ statt. Gekommen waren ca. 100 Gäste aus den Bereichen der Krankenkassen, Berufsverbänden und Politik.

Die Diskutanten auf dem Podium waren:
aus der Politik:

  • - Dr. Roy Kühne (CDU), MdB und Mitglied des Gesundheitsausschusses
  • - Dr. Achim Kessler (DIE LINKE), MdB und ebenfalls Mitglied des Gesundheitsausschusses
von den Berufsverbänden: Andreas Pfeiffer, Vorsitzender des DVE
von den Krankenkassen: Frau Stefanie Stoff-Ahnis, Vorstand des GKV-Spitzenverbandes verantwortlich u.a. für Heilmittel
und aus der Versorgungsforschung: Frau Irina Cichon, Senior Projektmanagerin der Robert Bosch Stiftung

Unverbindliches und Prosa
Natürlich darf man sich von solch einer eineinhalbstündigen Veranstaltung nicht den nobelpreisverdächtigen finalen Ratschluss der berufspolitischen Weisheit erwarten. Und natürlich bekommt das Auditorium eine Menge Prosa und Unverbindliches zu hören.
Kleine Kostprobe gefällig:

  • • „Durch das TSVG sehen wir Möglichkeiten der Weiterentwicklung.“
    • „... auch bei der Digitalisierung sehen wir Anwendungen mit Potential.“
    • „In Zukunft brauchen wir ein Versorgungssystem, das sich am Bedarf der Patienten orientiert."
Und jenseits der Prosa hier die Punkte, die wir für berichtenswert halten:

Bewertung des Status quo
Laut Dr. Kühne hat sich für die Patienten durch die spürbare Vergütungsanhebung bereits eine signifikante Besserung im Behandlungsalltag ergeben. Fairer bezahlte Therapeuten behandeln einfach motivierter und sind in Gedanken nicht bei ihren Existenzsorgen.

Für Frau Stoff-Ahnis brachte das TSVG durchaus „Licht und Schatten“ mit sich. Sie hätte sich gewünscht, dass die Auswirkungen des vorher beschlossenen HHVG’s erst einmal abgewartet worden wären. Doch das sei „Schnee von gestern.“
Jetzt bewerte sie die Möglichkeit, die Heilmittelrahmenbedingungen einheitlich auf Bundesebene neu zu gestalten, als sehr positiv. So sehe sie zum Beispiel in der zukünftigen „Blanko-Verordnung“ durchaus eine Chance, Bürokratie abzubauen und die freiwerdende Zeit am Patienten einzusetzen.

Stammbucheinträge
Bemerkenswert waren auch die Momente in denen so manche klare Stimme so manchem Akteur kleine Lektionen ins Stammbuch schrieb, so z.B.:

Dr. Kühne, MdB:
„Meine Vorgängerin als Berichterstatterin für Heilmittel kennt kaum jemand. Es war Karin Maag. Und Frau Maag war gar nicht unglücklich als sie den Posten an mich abgeben durfte. Denn berufspolitisch hörten die zuständigen Politiker von den maßgeblichen Verbänden immer nur ein ‚Hüüott‘. Ich sag nur Zertifikate oder Akademisierung. Und bei solch einer Uneinigkeit ... was soll verantwortliche Politik da machen?“

Frau Stoff-Ahnis, Vorstand GKV-Spitzenverband:
„Ein Physiotherapeut kommt aus der Ausbildung und kann auf Grund des Zertifikatswesens nur 54 Prozent der möglichen GKV-Leistungen abgeben? Das ist nicht im Sinne der Kassen! Wir fordern, dass ein ausgebildeter Therapeut 100 Prozent der Kassenleistung abgeben kann!“

Andreas Pfeiffer, Vorsitzender DVE:
„Das deutsche Gesundheitswesen ist arztzentriert und aufgebaut wie das preußische Militär. Und darunter leidet die Pflege, die Therapeuten und nicht zuletzt die Patienten!“

Irina Cichon, Robert Bosch Stiftung:
„Deutschlands Gesundheitswesen hat international einen Spitzenplatz. Es wird Zeit, dass es auch im Bereich der Heilmittelerbringer international spitze wird.“ Dazu brauche es aber eine neue Rollenverteilung in der Patientenversorgung - weg von der streng hierarchisch organisierten Versorgung, hin zu einem Team aus professionellen Helfern. Dass hierzu eine faire Entlohnung, eine Einbindung in die Telematik-Infrastruktur und eine Novellierung der Berufsausbildung (inkl. Akademisierung) notwendig sind, ist für Frau Cichon selbstredend.
Auf die kritische Nachfrage der Moderatorin ‚Wer denn in diesem System der Zukunft dann eine gewisse Lotsenfunktion/Steuerungsfunktion übernähme? ‘, antworte sie: „Immer der, der am nächsten am Patienten ist.“

Visionäres und Zukünftiges
MVZ in kommunaler Hand
Um dem Versorgungsnotstand auf dem Land zu begegnen, plädiert Dr. Kessler für die Schaffung von regionalen Gesundheitszentren in kommunaler Hand, in denen die Therapeuten auf Augenhöhe mitarbeiten und mitentscheiden. „Und am Tresen sitzt dann ‚ein Lotse‘, der die verschiedenen Untersuchungs- und Behandlungstermine koordiniert.

Direktzugang
Exemplarisch hierzu die Stimme des FDP-Abgeordneten und Mitglied im Gesundheitsausschuss Dr. Wieland Schinnenburg: „An uns wird ein Direktzugang für Therapeuten nicht scheitern. Bedingung: Die Therapeuten müssten dann aber auch Budgetverantwortung übernehmen.“ Ein Angebot, das durchaus auf freudige Annahme bei Dr. Kühne stieß.

Gespräch am Rande der Veranstaltung
Nachdem im Rahmen der offiziellen Veranstaltung der neue Mustervordruck 13 (wir berichteten) nicht thematisiert wurde, konfrontierte physio.de Frau Stoff-Ahnis abseits des Trubels in einem kurzen persönlichen Gespräch mit der Thematik:

„Ich habe auch großes Verständnis für den Unmut der Therapeuten im Lande, denn mit der Veröffentlichung des neuen Formularvordruckes und der Kommunikation dazu ist es – gelinde gesagt - sehr unglücklich gelaufen. Lassen Sie mich Ihren Lesern Folgendes ganz klar sagen: Das wird zukünftig besser laufen – der Vordruck soll so kommen, dass er am Ende für alle Beteiligten praktikabel ist. Der GKV-SV wird die Ergebnisse aus den Verhandlungen mit den maßgeblichen Heilmittelverbänden zum Muster 13 entsprechend berücksichtigen und sich für eine pragmatische und unbürokratische Weiterentwicklung einsetzen“, so die Vorständin des GKV-Spitzenverbandes.

Abschließender Kommentar
Der geneigte Beobachter durfte durchaus den Eindruck gewinnen, dass das Thema Heilmittelerbringer mittlerweile auf Bundesebene angekommen ist. Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes: „Das war die erste Veranstaltung in dieser Größenordnung von uns, die sich ausschließlich mit dem Heilmittelbereich befasst hat. Der Impuls dafür kam von Frau Stoff-Ahnis, die hierfür im Herbst den Anstoß gegeben hatte.“

Friedrich Merz / physio.de




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