Starke Tänzer 1

Wie können Tänzer von einem Kräftigungsprogramm profitieren?

09.07.2020

Tanzen ist mehr als nur künstlerischer Ausdruck. Man könnte Tänzer als artistische Athleten bezeichnen, die neben einem Höchstmaß an Koordination und Konzentration auch physischen Kompetenzen, insbesondere in Form von Maximalkraft, Sprungkraft und der Ausdauer besitzen müssen. Betrachtet man allerdings die gegenwärtige Literatur, scheinen Tänzer im Bezug auf diese Kompetenzen weniger fit zu sein als andere Athleten. Dies könnte unter anderem dem immer noch hartnäckigen Mythos geschuldet sein, dass Krafttraining sich ungünstig auf die Beweglichkeit auswirke. Ermüdung und der dadurch entstehende Balanceverlust sorgen jedoch nicht nur für ungenaue Bewegungsabläufe beim Tanzen, sondern auch für ein erhöhtes Verletzungsrisiko.

In den letzten Jahren wurde vermehrt Augenmerk auf das Training der Kernstabilität oder „Core-Stabilisations-Training“ gelegt. Bei dieser Form von Training wird versucht, das Zusammenspiel der Rumpfmuskulatur zu verbessern bzw. die Rumpfmuskulatur zu kräftigen. Beispielsweise erfolgt im Pilates die Bildung des sogenannten „Powerhouse“ über eine Kokontraktion von Bauch-, Rücken und Beckenbodenmuskulatur sowie dem Zwerchfell. Eine genaue Definition von „Core-Stabilität“ liegt allerdings nicht vor. Alleine deswegen ist der Begriff in der Fachwelt umstritten.

Im Gegensatz zu Rückenschmerzpatienten, bei denen sich ein „Core-Training“ nicht effektiver als andere Übungsprogramme zur Schmerzlinderung zeigt und bei manchen Patienten sogar kontraproduktiv sein kann, liefern einige Studien Hinweise darauf, dass eine verbesserte reaktive Rumpfkontrolle zu einer erhöhten Leistungsfähigkeit bei Athleten führt. Ein stabiler „Kern“ sorgt bei ihnen für eine bessere Kraftübertragung der Extremitäten und dadurch zu mehr Kontrolle und Explosivität.
Daher untersuchten Forscher aus der Türkei nun die Auswirkung eines acht Wochen dauernden „Core-Stabilisations-Trainings“ auf die Sprungfähigkeit, die Balance, die Propriozeption und die Koordination von 24 Tänzern einer Hochschule für Tanz und Musik. Die Trainingseinheiten fanden zusätzlich zum gewohnten täglichen Tanztraining drei Mal wöchentlich, jeweils 45-60 Minuten statt. Zwei der Einheiten wurden von einem Physiotherapeuten begleitet, die dritte Einheit wurde selbstständig durchgeführt.

Das Training bestand aus mehreren Pilatesübungen, wie zum Beispiel der Schulterbrücke (auch bekannt als Bridging), der Schere oder einem Seitstütz mit Hüftabduktion. Zusätzlich beinhaltete das Programm noch Balance Übungen mit offenen und geschlossenen Augen sowie tanzspezifische Übungen, zum Beispiel die Standwaage oder klassische Ballettübungen an der Stange. Die Übungen wurden in der ersten Woche angeleitet und in geringer Intensität mit zehn Wiederholungen erlernt. Im Laufe der Studie wurde der Anspruch mittels höherer Wiederholungsanzahl oder Verringerung der Unterstützungsfläche angepasst.

Zunächst einmal konnten die Forscher in dieser Studie zeigen, dass ein Krafttraining nicht die Beweglichkeit von Tänzern einschränkt. Eine Beweglichkeitsüberprüfung vor und nach der Untersuchung zeigte keine Veränderungen im Sit and Reach-Test. Die vertikale Sprungkraft verbesserte sich signifikant, ebenso wie die konzentrische- und exzentrische Kontrolle und Propriozeption im Kniegelenk. Der ermittelte Wert im Y-Balance Test verbesserte sich ebenfalls.

Ein zusätzliches Kräftigungsprogramm für Tänzer scheint demnach positive Effekte auf Kraft und Koordination von Tänzern zu haben. Aufgrund der Übungsauswahl ist es wahrscheinlich besser, hier über ein Ganzkörperkräftigungsprogramm zu sprechen, als über ein reines „Core-Stabilisations-Programm“, wie es die Autoren der Studie nennen.

Die Studie sollte als Grundlagenstudie verstanden werden. Man kann anhand der Ergebnisse noch keine generellen Aussagen treffen, da es keine Kontrollgruppe gab und das Trainingsprogramm sehr weit gefächert war. Es ist nicht zu erkennen, ob die unspezifischen Stabilitätsübungen, die spezifischen Kräftigungsübungen für Tänzer oder auch nur das ohnehin weiterhin stattfindende reguläre Tanztraining ausschlaggebend für die Ergebnisse waren.

Demnach ist in der Praxis Kreativität gefragt. Es ist plausibel, dass auch Tänzer von einem zusätzlichen Kräftigungsprogramm profitieren, so wie es auch bei anderen Athleten der Fall ist. Ein geschultes Therapeutenauge kann Defizite eines Tänzers erkennen. So kann ein individuelles Trainingsprogramm erstellt werden, dass die Koordination und Kraft verbessert. Und ein Punkt scheint klar zu sein: Tänzer sollten keine Angst haben, durch Krafttraining ihre mühsam erarbeitete Beweglichkeit zu verlieren.

Ein kostenloses Abstract der Studie finden Sie hier.

Daniel Bombien / physio.de

Nachtrag
Das Trainingsprogramm für die Tänzer beinhaltete zusätzlich zu den im Artikel oben erwähnten Übungen noch folgende:




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