therapie Leipzig 2019 4

Eindrücke und Erfahrungen von einer Messe in Zeichen von TSVG, künstlicher Intelligenz und Kammerdiskussion

13.03.2019

Jubiläum feiern durfte dieses Jahr die „therapie Leipzig“, welche zum zehnten Mal ihre Pforten für Messe- und Kongressteilnehmer öffnete. Waren es 2001 noch rund 70 Aussteller und 3.000 Besucher, so begrüßten dieses Jahr stolze 371 Anbieter die 16.900 Interessierten aus Nah und Fern.

Einen Grund für den Erfolg sehen die Veranstalter in der Tatsache, dass von allen Heilmittelverbänden sich die jeweiligen Bundesspitzen auf der Messe präsentieren. So geschehen heuer mit den einzelnen Messeständen, aber auch mit Veranstaltungen wie z.B. „SHV konkret“ und dem IFK Symposium zur Verkammerung.

Neuheiten

Künstliche Intelligenz in Prothesen:
Bisher war es stets so, dass ein Amputationspatient nach der Stumpfversorgung eine Prothese bekam und lernen musste, damit umzugehen. Dank Otto Bock kehrt sich dies nun um. Zukünftig gilt: Die Prothese lernt vom Menschen. Möglich machen soll das eine neue Art der lernenden Prothesensteuerung. Anschaulich demonstrierte dies ein junger Landwirt aus Bayern, der bei einem Arbeitsunfall seine rechte Hand verloren hatte. Will er seiner neuen Hand eine neue Bewegung beibringen, tritt er mittels Tablett und Touchscreen mit ihr „in den Dialog“. Er „erklärt“ ihr welche Bewegung sie nun lernen solle, denkt dann diese Bewegung, die noch erhaltenen Muskeln am Stumpf erhalten via nervaler Steuerung ihre Aktionspotentiale und die Sensoren in der Prothese nehmen diese auf. Die Software bittet den Patienten unter Umständen auch die Bewegung einmal leicht und einmal stark „zu denken“. So wird der Händedruck einmal eher sanft oder eher zupackend.
Gefragt, ob die Kostenträger eine Hightechprothese dieser Art auch bezahlen würden (ca. 60.000 Euro), wies die Firma darauf hin, dass es eine Frage des „begründeten Mehrwertes“ für den Patienten sei. Im Falle des Landwirtes wurden in der Klinik Videodokumentationen mit herkömmlicher und neuer Prothese gemacht.
Die Fa. Otto Bock würde auch Hilfestellungen bei der Antragsbegründung geben, versicherte sie auf Nachfrage von physio.de

Speed-Dating für Investoren:
Wollte man sich bisher eine Praxis ausstatten oder seine Trainingstherapie einrichten, recherchierte man im Internet oder traf die Aussteller auf Messen. Am Messestand hoffte man, zügig einen Ansprechpartner zu finden und dass einem nicht zu viele weitere Interessenten „im Genick hängen“. Eine Alternative bietet jetzt ein sog. Hosted-buyer-Konzept der Fa. PHYSIO SUMMIT. Diese lädt potentielle Interessenten in ein ansprechendes Hotel ein und bringt sie im 20 Minuten-Rhythmus mit Herstellern aus der Industrie an einen Tisch. Die Shuttle- und Übernachtungskosten dieses „Speed-Datings“ übernimmt PHYSIO SUMMIT. Natürlich muss man vorher in einem Bewerbungsverfahren sein konkretes Interesse an einer Investition auch nachweisen.

SHV konkret
Großes Interesse herrschte am Freitag im Kongresszentrum an den Ausführungen der Vertreter des Spitzenverbands der Heilmittelverbände (SHV) zum aktuellen Stand des TSVG sowie an der anschließenden Fragerunde. Hier wurde wieder einmal der Unmut etlicher Physiotherapeuten bezüglich der Zertifikatspositionen
deutlich. Frau Rädlein von Physio-Deutschland wurde nicht müde zu betonen, dass man „prüfe, was man hier tun könne“. Später nochmals an einer anderen Stelle auf das Verb „prüfen“ angesprochen, versicherte die Vorsitzende des SHV Ute Repschläger: „Diese Legislaturperiode wird sich definitiv etwas bei den Zertifikaten ändern!“.
Augenfällig für den Diskussionsstand innerhalb des SHV waren auch die Stellungnahmen zum Thema Verkammerung. Während Frau Rädlein ganz dezidiert für eine Verkammerung eintrat, wollten Frau Repschläger in ihrer Funktion als IFK-Vorsitzende und auch Herr Pfeiffer vom DVE dem nicht uneingeschränkt beipflichten. Beide betonten, dieser weitreichenden Entscheidung müsse ein langer Diskussionsprozess innerhalb der Verbände aber auch mit allen anderen Therapeuten vorausgehen. Und dieser sei bei weitem noch nicht abschlossen. Als warnendes Beispiel diene die Situation um die Pflegekammer in Niedersachsen.

IFK-Symposium zur Verkammerung
Wohltuend in seiner Sachlichkeit war das Symposium des IFK zum Thema Verkammerung. Die Vorsitzende des IFK, Frau Repschläger, ging zunächst auf die Situation in anderen Ländern diesbezüglich ein und erläuterte anschließend welche Pro- und Contraargumente der IFK in Sachen Verkammerung sehe.

Ein klares Argument für eine Kammer sei der hohe Repräsentationsgrad von 100 % auf Grund der Pflichtmitgliedschaft. Dies führe zu einer gewichtigen Stimme in der Politik, mit der eine Kammer Anliegen der Therapeuten flankierend und unterstützend begleiten könne. Das Argument allerdings, dass nur über eine Kammer festgestellt werden könne, wie viele Therapeuten es gebe, ließ sie so in seiner Ausschließlichkeit nicht gelten. Im Zuge der elektronischen Patientenakte (ePA) werde es zwangsläufig zur Einführung des elektronischen Gesundheitsberuferegisters (eGBR) kommen müssen. Hier würde dann auch jeder Therapeut registriert sein, anderenfalls könnte er zukünftig nicht auf die ePA zugreifen. Der Vorteil des eGBR läge darin, dass die Kosten von staatlicher Seite getragen werden würden.

Des Weiteren verwies Frau Repschläger darauf, dass Arno Metzler vom Bund freier Berufe bezüglich Verkammerung in einem engen Austausch mit den Parlamentariern in Brüssel gestanden habe. Dort habe ihm die Mehrheit der Abgeordneten signalisiert, dass man der Einführung einer Kammer sehr reserviert gegenüberstünde. Die Begründung lautete: „Braucht’s das? Bitte nicht noch mehr Bürokratie.“

Verständnis habe sie dagegen für den Wunsch der Politik, lediglich einen einzigen Ansprechpartner zu haben. Sie halte es dagegen für überlegenswert, ob dies nicht durch einen starken Spitzenverband zu bewerkstelligen sei. Unter einem starken Spitzenverband verstünde sie einen solchen, in dem mehr Berufsgruppen vereint – oder zumindest mit diesem assoziiert – wären als zurzeit im SHV .

Von Bedeutung schien für sie auch der Hinweis, dass eine Kammer keine Vergütungsverhandlungen führen und auch keinen Sitz im G-BA haben würde. Aufgabe einer Kammer wäre es vielmehr, die Fortbildung von fertigen Therapeuten zu organisieren und zu überwachen; ferner das Erstellen einer Berufsordnung, welche allerdings nach Auffassung des IFK lediglich geltendes Recht noch einmal zusammenzufassen würde.

Aus dem Auditorium heraus kam auch der Hinweis, dass ein bisher von manchen Seiten gebrauchtes Pro-Argument – der Aufbau einer selbstverwalteten Altervorsorge in Form eines sog. Versorgungswerkes – so nicht haltbar sei. Der Bundestag hätte nämlich beschlossen, keine weiteren Versorgungswerke mehr zu genehmigen.

Was dieses Symposium auch so informativ und gelungen werden ließ, war die Anwesenheit von Beatrix Watzl von der „Initiative Therapeutenkammer“ aus Berlin sowie einigen Bachelorabsolventen der Hochschule für Gesundheit in Bochum. Unserer Beobachtung nach war es das erste Mal, dass auf einer Veranstaltung dezidierte Kammer-Befürworter vor den Augen angehender und fertiger Therapeuten auf Kammer-Skeptiker trafen. Dass sich zwischen den anwesenden Parteien ein von Wertschätzung und Sachlichkeit geprägter Dialog entwickelte, lässt für die Zukunft hoffen.

Kleines Kuriosum am Rande
Leipzig liegt im Osten der Republik, und von da aus scheint Polen nicht weit. Und so gab es auch einen Stand an dem polnische Physiotherapieschülerinnen den sitzenden Messebesuchern den Kopf, Nacken, Schultern, Arm und Hände 10 bis 15 Minuten lang massierten. Nach der Massage musste dann der Besucher innerhalb einer Preisspanne von 10€ bis 30€ entscheiden, wie viel ihm dieser Service wert war. Über die tatsächlich gezahlten Saläre ist uns leider nichts Näheres bekannt, der Zuspruch war jedenfalls enorm.

Friedrich Merz / physio.de

Parallel zur Messe fand in der Innenstand eine Therapeuten-Demonstration statt. Den Bericht hierzu finden Sie hier.


Mehr Lesen über

MesseBerichtTherapie2019