Erwartungshaltung des Behandlers kann die Wirksamkeit einer Therapie beeinflussen 4

Studie untersucht mittels Experiment den auf den Patienten übertragbaren Placeboeffekt in puncto Schmerzwahrnehmung.

28.11.2019

Dass die Erwartung eines Patienten an eine medizinischen Behandlungsmethode einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Wirksamkeit haben kann, wurde bereits in einigen wissenschaftlichen Untersuchungen belegt.

Ein Team von Wissenschaftlern von der Darmouth Universität (USA) hat nun in einer Experimentalstudie mit 194 freiwilligen Probanden herausgefunden, dass auch die Erwartungshaltung des Behandlers das Therapieergebnis beeinflussen kann. Dafür wurden die Probanden zunächst in zwei Gruppen aufgeteilt, die „Behandler“ und die „Patienten“. Insgesamt fanden drei Experimente mit jeweils zwei Phasen statt.

In Phase Eins wurde den Behandlern der Versuchsaufbau demonstriert. Mithilfe von Elektroden am Unterarm, die sich auf 47 Grad erhitzten, lösten die Wissenschaftler bei Ihnen einen Schmerzreiz aus, den Sie selbst später bei den Patienten applizieren sollten. Danach folgte die Anwendung der Salbe Thermedol, die angeblich stark schmerzlindernd sein solle, oder von Vaseline, als vermeintlicher Placebo. In Wirklichkeit handelte es sich aber bei beiden Präparaten um Placebos. Als Beweis für die Wirksamkeit von Thermedol legten sie der den Behandlern erneut die Elektroden an. Diesmal wurden sie allerdings bei der Hälfte der Probanden an der Applikationsstelle der „schmerzlindernden Salbe“ lediglich auf 43 Grad erhitzt. So entstand bei diesen Probanden der Eindruck, dass die Creme tatsächlich wirksam wäre.

In Phase Zwei des jeweiligen Experiments führten die Behandler das Prozedere, dass die Wissenschaftler ihnen vorab demonstriert hatten, mit den Probanden der Patientengruppe durch. Dabei erhielten die Patienten allerdings jeweils nur ein Präparat, entweder Thermedol oder Vaseline. Es wurde ihnen außerdem vorgegeben, dass es sich bei den Behandlern um tatsächliches medizinisches Personal handele. In dieser Phase des Experimentes blieb die Temperatur der Elektroden bei allen Probanden konstant bei 47 Grad.

Neben einer Schmerzeinschätzung der Patienten wurden auch die Hautreaktionen dokumentiert. Außerdem zeichneten die Wissenschaftler die Behandlungssituation per Video auf.

Im Anschluss an die Experimente verglichen die Forscher insbesondere die Schmerzwahrnehmung der Patienten, die ja im Grunde genommen alle mit einem Placebo behandelt wurden. Es zeigte sich allerdings, dass die Patienten der vorab von dem Effekt der Salbe überzeugten Behandler deutlich weniger Schmerzen empfanden, wenn sie mit Thermedol behandelt wurden, als die der Behandler, denen der Effekt nicht vorgegaukelt wurde. Auch die Patienten, denen von den positiv konditionierten Behandlern lediglich Vaseline appliziert wurde, empfanden durchschnittlich mehr Schmerzen.

Die Effekte zeigten sich nicht nur in der Schmerzbewertung, sondern auch in der Mimik und den Hautreaktionen. Im Vergleich zu den Patienten der nicht-überzeugten Behandler, schätzten die Patienten der Behandler mit einer positiven Erwartungshaltung an das Präparat deren Verhalten außerdem als deutlich einfühlsamer ein.

Wie genau es zu diesen eindrucksvollen Effekten kommen könne, ist bisher noch nicht bekannt. Die Ursache müsse laut den Forschern in der non-verbalen Kommunikation zwischen Patient und Behandler liegen. Zwar handele es sich bei dieser Studie um ein experimentelles, also unnatürliches Setting, eine Übertragbarkeit in den praktischen Alltag gelte allerdings als wahrscheinlich. Einige Experten vermuten sogar, dass der Effekt in der Realität noch größer sein könne.

Die Wissenschaftler aus Darmouth schlussfolgern, dass in Zukunft nicht nur an neuen Therapiemethoden, sondern auch vermehrt an den Umweltfaktoren und der sozialen Interaktion in medizinischen Behandlungssettings geforscht werden sollte.

Ein kostenloses Abstract der Studie finden Sie hier.

Catrin Heinbokel / physio.de