Kahnbeinfrakturen operieren oder schienen? 2

Eine aktuelle Untersuchung stellt die momentane Praxis auf den Prüfstand.

15.09.2020

Ein Sturz auf den ausgestreckten Arm, dann Schwellung und Schmerzen im proximalen Drittel der Hand. Patienten, die mit dieser oder ähnlicher Anamnese zum Arzt gehen, erhalten in der Regel eine Röntgenuntersuchung der Hand.

Leider werden dabei häufig Scaphoidfrakturen übersehen, was erst Wochen später bei erneuten Untersuchungen auffällt.


Innerhalb der ersten 24 Stunden zeigt eine simple Testbatterie, wie wahrscheinlich eine Fraktur des Kahnbeins vorliegt:

  • • Druckdolenz der Tabatière und
    • Druckdolenz des Tuberculum Ossis Scaphoidei,
    • sowie ein Stauchungsschmerz bei longitudinaler Daumenkompression
zeigten in einer prospektiven Studie eine Sensitivität von 100 Prozent und eine Spezifität von 74 Prozent.

Insbesondere für Sportphysiotherapeuten ist dieses Werkzeug sehr hilfreich, da so zuverlässig über das weitere Vorgehen entschieden werden kann. Die schlechte Nachricht für Therapeuten in der Praxis, die die Patienten erst einige Tage nach dem Unfall zu Gesicht bekommen: Nach 48 bis 72 Stunden ist auf diese Zeichen offensichtlich leider kein Verlass mehr.

Ein Röntgen ist nur wirklich aus vier Ebenen sinnvoll. Das sogenannte Kahnbeinquartett übersieht allerdings auch noch einen beträchtlichen Teil der Frakturen. In einer Untersuchung wurden 16 Prozent der Kahnbein-Frakturen nicht erkannt. Daher sollte bei persistierenden Schmerzen bei oben genannter Anamnese unter Umständen zusätzlich eine MRT-Untersuchung in Erwägung gezogen werden.

Momentan wird empfohlen, Kahnbeinfrakturen mit einer Osteosynthese zu versorgen. Die gefürchtetste Komplikation ist eine Pseudarthrose des Kahnbeins, welches in den meisten Fällen eine Handgelenksarthrose nach sich zieht.

Die Osteosynthese auf dem Prüfstand
In einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung im Fachmagazin ‚The Lancet‘ verglichen die Autoren ein konservatives Vorgehen bei einer Scaphoidfraktur von unter zwei Millimetern mit den Ergebnissen einer operativen Versorgung.
439 Probanden wurden dazu in zwei Gruppen aufgeteilt, wobei eine Gruppe sich einer Osteosynthese unterzog, während die Kontrollgruppe acht Wochen lang konservativ mit einem Gips- oder Schaumstoffverband versorgt wurde. Nach 52 Wochen konnte kein signifikanter Unterschied in Schmerz und Funktion in beiden Gruppen festgestellt werden.

Allerdings zeigten beide Vorgehensweisen auch Risiken:
14 Prozent der Probanden, die sich einer Osteosynthese unterzogen zeigten postoperative Komplikationen, wie Entzündungen, Sensibilitätsverlust oder Nachwirkungen der Anästhesie. Ein operierter Proband zeigte eine CRPS-Symptomatik. Allerdings erfuhren lediglich fünf Prozent der operativ versorgten Patienten Komplikationen aufgrund der Immobilisierung. Bei der konservativ versorgten Gruppe waren es ganze 18 Prozent.

Fazit
Aufgrund der ähnlichen Ergebnisse in Funktion und Schmerz sowie der erheblichen Kostenunterschiede für das Gesundheitssystem, raten die Autoren der Studie zu einer konservativen Versorgung von Scaphoidfrakturen mit einer Spaltbreite von unter zwei Millimetern mittels Gips- oder Schaumstoffschiene. Wünschenswert währen Untersuchungen, inwiefern sich die Komplikationsrate der Immobilisationen durch gezielte physiotherapeutische Maßnahmen senken ließe, ohne den Therapieerfolg zu gefährden. Hierzu liegen aktuell noch keine zufriedenstellenden Daten vor.

Daniel Bombien / physio.de


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